Pflichtpraktikum für SchülerInnen: Hintergrundgespräch der Vienna Business School

Praktikum: Erstmals verpflichtend für HAK-SchülerInnen, die 2019 maturieren

Die Einführung des Pflichtpraktikums stellt eine Herausforderung für SchülerInnen, Eltern und Schulen dar: Erstmals müssen alle SchülerInnen an Handelsakademien, die 2019 maturieren ein Praktikum vorweisen, um zur Reife-und Diplomprüfung antreten zu dürfen. Zuvor gab es an diesen Schulen nur freiwillige Praktika. Auch HandelsschülerInnen sind nun laut Lehrplan verpflichtet, ein Berufspraktikum zu absolvieren, ebenso wie SchülerInnen der technischen und gewerblichen mittleren und höheren Schulen.

Aus diesem aktuellen Anlass hat die Vienna Business School, deren Handelsakademien und Handelsschulen sich an sechs Standorten in Wien und Niederösterreich befinden, bei den jeweiligen Direktionen erhoben, welche Erfahrungen bisher mit Praktika und Pflichtpraktika gemacht wurden. Die Ergebnisse:

Suche nach einem Praktikum: Alle SchülerInnen erfolgreich„Erfahrungsgemäß finden alle SchülerInnen an der Vienna Business School einen Praktikumsplatz“, freut sich KommR Helmut Schramm, Präsident des Schulbetreibers Fonds der Wiener Kaufmannschaft. Die meisten Stellen – im Durchschnitt deutlich über 90% – werden von den SchülerInnen selbst gesucht und gefunden. Nur selten werden Stellen über direkte Vermittlung der Schulen vergeben. „An der Vienna Business School begleiten wir Jugendliche auf ihrem Weg ins Erwachsenenleben, wir fördern daher die Eigeninitiative auch bei der Bewerbung um Praktika. Es gibt aber sehr viel Unterstützung durch die Schulen und entsprechend geschulte Pädagoginnen und Pädagogen, die die Schülerinnen und Schüler bestens auf den Bewerbungsprozess vorbereiten“, so Schramm.

Große Unterstützung durch die Schulen und PädagogInnen

So werden in den Fächern „Persönlichkeitsbildung und soziale Kompetenz“ sowie in „Business Behaviour“ (HAK) und „Kundenorientierung und Verkauf“ (HAS) Bewerbungsschreiben und Lebensläufe vorbereitet, Bewerbungsgespräche und übliche Assessment Center-Situationen trainiert. In allen Schulen finden Vorträge von VertreterInnen der Wirtschaft statt, und es gibt Lehrausgänge zu Berufsinformationsmessen oder einzelnen Unternehmen. In vielen Schulen werden zum Thema Praktika auch individuelle Coachinggespräche zwischen SchülerIn und PädagogIn durchgeführt. Darüber hinaus gibt es während der Bewerbungsphase Infoabende für die Eltern, die nicht nur Tipps bekommen, wie sie ihre Kinder bei der Stellensuche unterstützen können, sondern auch über Rahmenbedingungen wie arbeits- und sozialversicherungsrechtliche Belange aufgeklärt werden. An zwei Schulstandorten der Vienna Business School (Augarten, Floridsdorf) gibt es Praktika-Datenbanken, die jene Praktika auflisten, die SchülerInnen in den letzten Jahren absolviert haben und auch Kontaktdaten zu einigen jener Firmen enthält, die als Arbeitgeber in Frage kämen.

Auch während des Praktikums sind die Schulen Anlaufstelle für die SchülerInnen, sollte es Probleme oder Fragen – etwa zum Führen der nötigen Arbeitszeitaufzeichnungen – geben. Viele PädagogInnen sind auf freiwilliger Basis sogar während der Ferien für die SchülerInnen erreichbar, etwa via WhatsApp.

Nach dem Praktikum werden an der Vienna Business School sogenannte Praktikumsportfolios erstellt, die eine detaillierte Beschreibung zu Arbeitgeber, Zeitrahmen, Art der Tätigkeiten und den Erfahrungen, die beim Praktikum gesammelt wurden („Lessons Learned“) enthalten. Diese Portfolios werden im Unterricht bearbeitet, meist im Fach „Business Behaviour“ in der 4. oder 5. Klasse HAK oder der 3. Klasse HAS. Darüber hinaus teilen SchülerInnen ihre Erfahrungen mit ihren SchulkollegInnen, indem sie etwa in Referaten über ihre Praktika berichten.

Trend zu Praktikum parallel zum Schulbetrieb

Die meisten Praktika werden am Stück im Sommer bzw. in den Ferien absolviert. Das gilt vor allem für HAK- SchülerInnen: Die hier vorgeschriebenen 300 Praktikumsstunden (ca. 7,5 Wochen) werden üblicherweise in zwei Etappen gemacht, und zwar meist in der 3. Klasse, ergänzt um eine zweite Etappe in der 2. oder 4. Klasse. HAS-SchülerInnen absolvieren die vorgeschriebene Anzahl von 150 Praktikumsstunden (ca. 4 Wochen) entweder auf einmal während der Ferien, meist in der 2. Klasse, oder während des Schuljahres.

Das Praktikum begleitend zum Schulbetrieb zu absolvieren, ist ein Trend, den viele Direktorinnen und Direktoren an ihren Schulen beobachten. Diese ganzjährige Form nimmt derzeit zwar nur ein kleiner Teil der SchülerInnen in Anspruch, allerdings wächst das Interesse daran stark. Vor allem bei HAS-SchülerInnen ist die Tätigkeit während des Schuljahres häufiger, meist in Form einer geringfügigen Beschäftigung (bis € 438,05/Monat) am Freitag am Nachmittag oder am Samstag. Voraussetzung ist, dass die Praktikumsstunden nicht während der Schulzeit absolviert werden.

Bewerbungsphase dauert meist  drei Monate

Die „heiße“ Bewerbungsphase ist Oktober bis März. Der Großteil der SchülerInnen schickt erste Bewerbungen im Oktober oder Anfang November an die Unternehmen. Die endgültige Auswahl treffen die meisten Unternehmen von Jänner bis März. Viele SchülerInnen der Vienna Business School haben allerdings schon bis zu den Semesterferien eine verbindliche Zusage in der Tasche.

Eine besondere Herausforderung ist die Praktikumssuche für junge HAS-SchülerInnen: Obwohl eine Tätigkeit schon mit Vollendung des 15. Lebensjahres arbeitsrechtlich möglich wäre, beschäftigen die meisten Unternehmen PraktikantInnen erst ab Vollendung des 16. Lebensjahres. Das ist mir ein Grund dafür, weshalb SchülerInnen der Handelsschulen meist erst nach der 2. Klasse, und nicht schon nach der 1. Klasse ihr Praktikum absolvieren. Für sie kann es besonders wichtig sein, eine praktische Bürotätigkeit auszuüben: Denn dies wird bei HAS-AbsolventInnen im Abschlusszeugnis ausgewiesen und ist Voraussetzung, um später in diesem Bereich als Bürofachkraft – und nicht als Lehrling – ins Berufsleben einsteigen zu können.

Vor allem Praktika in Österreich, Auslandspraktika führen meist in Herkunftsländer

Die meisten Praktika werden innerhalb des eigenen Bundeslandes absolviert. Ein kleiner einstelliger Prozentsatz der SchülerInnen verlässt das Bundesland für das Praktikum, wobei es sich hier in den meisten Fällen um ein Tourismus-Praktikum handelt. Nur rund 1% geht ins Ausland, und hier handelt es sich meist um Praktika, die von einigen wenigen SchülerInnen im Herkunftsland der eigenen Familie absolviert werden.

Darüber hinaus gibt es an einige Standorten der Vienna Business School (z.B. Augarten, Mödling, Schönborngasse) die Möglichkeit, sogenannte „Work Placements“ zu absolvieren, wobei einige Work Placements als Praktikumsstunden anerkannt werden können. Diese Work Placements werden von den Schulen organisiert, zum Beispiel verbringen SchülerInnen der Vienna Business School Augarten, Schönborngasse, Hamerlingplatz und Mödling zwei Wochen in England oder Irland und sind während dieser Zeit auch in lokalen Betrieben beschäftigt.

Beliebte Praktika: Tätigkeiten im Büro und im Handel

HAS- und HAK-SchülerInnen werden meist für qualifizierte kaufmännischen Tätigkeiten eingesetzt, wie die Erfahrungen der einzelnen Schulen zeigen. Dabei absolvieren die SchülerInnen Praktika quer durch alle Branchen, häufig im tertiären Sektor bei Handelsbetrieben, Banken, Versicherungen oder in anderen Dienstleistungsbranchen (IT-Consulting, Steuerberatung etc.). Einzelne Schulen pflegen gute Kontakte zu Unternehmen, die den jeweiligen Ausbildungsschwerpunkten entsprechen. So überwiegt an manchen Schulstandorten (z.B. Hamerlingplatz) die Tätigkeit in Handel, Gewerbe und Handwerk, während an anderen Schulstandorten (z.B. Mödling) Praktika in Logistik, Transport und Finanzsektor häufiger sind. Gerade in Mödling werden viele Praktikumsstellen in Großunternehmen über die Schule angeboten. Zu den häufigsten Tätigkeiten zählen Bürotätigkeit, wie zum Beispiel Aufgaben in den Bereichen Marketing, Buchhaltung, Einkauf, Sekretariat oder Verwaltung. Auch im Verkauf oder in verkaufsähnlichen Tätigkeiten (z.B. an der Rezeption) werden die PraktikantInnen oft einsetzt.

Entgelt zunehmend in Kollektivverträgen geregelt

Das Praktikum ist im Gegensatz zum Volontariat ein normales Arbeitsverhältnis. Es gibt derzeit nicht in allen Kollektivverträgen Bestimmungen, wie Praktikantinnen und Praktikanten zu entlohnen sind. Neu ist, dass es nun auch eine verbindliche Regelung für Praktikantinnen im Kollektivvertrag für die Handelsangestellten gibt. „Da viele Praktikantinnen und Praktikanten neben Bürotätigkeiten in verschiedenen Branchen vor allem Beschäftigungen im Handel finden, stellt diese Neuerung eine wesentliche Verbesserung dar, die Klarheit für alle Beteiligten schafft“, erklärt KommR Helmut Schramm, der die neue Regelung im Rahmen der Gespräche zum Handelskollektivvertrag mitverhandelt hat.

Praktikum im Ausland: „Interessant war das Erleben einer anderen Kultur“

Sohbat Singh DHANJU, Schüler und Schulsprecher der Vienna Business School Schönborngasse konnte während eines Praktikums sogar Erfahrung im Bereich Marketing eines indischen Unternehmens sammeln: Von Mitte Juli bis Mitte August 2017 war er bei Shri Dashmesh Casting in Punjab, Indien als Praktikant im Einsatz. Auf die Stelle aufmerksam wurde er durch seinen Vater, der die Besitzer des Unternehmens kannte.

„Interessant war für mich nicht nur die Arbeit, sondern auch das Erleben einer anderen Kultur. Meine Eltern und ich kommen aus dem Punjab, aber das Arbeitsleben in Indien durfte ich beim Praktikum das erste Mal kennenlernen. Die Arbeitssprache war Punjabi, die Dokumente wurden aber hauptsächlich in Englisch verfasst. Meine Hauptaufgabe während des Praktikums war die Unterstützung des Directors of Marketing“, erzählt der 18jährige HAK-Schüler Sohbat Singh DHANJU. So bereitete er Kundengespräche für seinen Chef vor und wurde für Hilfstätigkeiten wie Scannen oder Kopieren eingesetzt. „Manchmal durfte ich auch direkt mit den anderen Vorgesetzten zusammenarbeiten“, erzählt der 18jährige Schüler Sohbat Singh Dhanju.

Praktikum im Kleinbetrieb: „Mehr Abwechslung durch Einsatz in allen Unternehmensbereichen“

Auch Andjelina GUSKIC, Schülerin der Vienna Business School Augarten, hat bereits positive Erfahrungen mit Praktika gemacht. Im Juli 2017 war sie vier Wochen lang bei Stabinger Consulting beschäftigt. „Dieses Unternehmen bietet Bilanzbuchhaltung und Lohnverrechnung an. Ich konnte viele praktische Erfahrungen sammeln. Unter anderem habe ich Diäten von Flugbegleitern berechnet. Außerdem wird bei der Lohnverrechnung ein Computersystem – meist BMD – eingesetzt. Auch damit durfte ich arbeiten. Und natürlich gab es viele Telefonate mit Kunden und Behörden“, schildert die 16jährige Schülerin praktische Erfahrungen, die sie sammeln konnte.

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Fotocredits: Harald Klemm / Vienna Business School

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Rückfragen:
Fonds der Wiener Kaufmannschaft Mag. Sabine Balmasovich
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